Was ich vom Leben will?
Wenn jemand seine Heimat verlässt und in ein anderes Land zieht ohne die Sprache zu sprechen und ohne zu wissen, was er dort machen wird, so ist diese Person vielleicht eher dazu geneigt zu fragen: Was wäre wenn? Und so geht es mir eben auch. Was wäre wenn ich in Deutschland geblieben wäre? Man mag jetzt meinen diese Fragerei sei müssig und völlig sinnlos und dennoch muss man sich diesen Fragen und Zweifeln regelmäßig stellen. Jedenfalls muss ich es. Ich lebe in einem fantastischen Land mit fantastischen Menschen – einer ausgezeichneten Küche und noch besserem Wetter. Und ich gehe einer Arbeit nach, die nicht die meine ist, die mir aber dennoch Freude bereitet.
Eigentlich sollte alles ok sein aber hin und wieder überkommt es mich doch und dann steht über all dem wieder die Frage: Mache ich das Richtige? Leider kann man dieser Frage ab einem gewissen Alter irgendwie nicht mehr ausweichen. Man hat Angst etwas zu verpassen bzw. einen falschen Weg zu gehen. Einen Weg, den man später nicht mehr ändern kann. Auf einmal scheinen alle Anderen das Richtige zu machen. Alle scheinen sich weiterzuentwickeln und nur ich bleibe stehen. Alle scheinen zu promovieren, einen Master auf das Studium draufzusetzen, die Karriereleiter hochzuklettern oder wenigstens mehr Geld zu verdienen – nur ich trete auf der Stelle. So scheint es.
In solchen Momenten wird mir aber auch immer wieder deutlich, dass ich mit einem Bein noch in Deutschland lebe und mit dem anderen Bein schon in Italien. Denn meine Freunde hier denken ganz anders als meine Freunde in Deutschland. Oft ist Karriere und Geld ein Thema bei Gesprächen mit Freunden in Deutschland. Natürlich rede ich auch mit meinen Freunden und Kollegen in Italien darüber. Der Unterschied liegt darin, dass die Karriere und das Geld hier eher Dinge sind, die man als glückliche Fügung betrachtet wenn man sie besitzt. Wenn man sie aber nicht besitzt, dann wird das als völlig normaler Zustand betrachtet. In Deutschland hingegen scheint es normal zu sein, dass man Geld hat und Karriere macht und ein Unglück (oder sogar Unfähigkeit), wenn man diese Dinge nicht besitzt.
Aber es soll gar nicht auf die alte Leier hinauslaufen: Italiener locker und cool und Deutsche verkrampft und uncool. Zum einen glaube ich nicht, dass es tatsächlich so ist und zum anderen denke ich, dass die Italiener irgendwie auch aus der Not eine Tugend gemacht haben. Es gibt eben einfach viel weniger Möglichkeiten mehr Geld zu verdienen und Karriere zu machen.